
Auf 5,6 Hektar in Lübeck leben bis zu 380 Menschen in einer Siedlung, die ihren eigenen Strom und ihre eigene Wärme erzeugt, ihr eigenes Wasser reinigt und ihre Abfälle in Brennstoff und Dünger verwandelt. Von außen bezieht sie Trinkwasser und etwas Gas. Sie war für die EXPO 2000 registriert, wurde als Bundes-Pilotprojekt gefördert und läuft seit fünfundzwanzig Jahren.
- Ort
- Lübeck, Deutschland
- Wettbewerb gewonnen
- 1995
- Baubeginn
- 1999
- Fläche
- 5,6 ha, davon 2,1 ha Grünfläche
- Einheiten
- ~120, bis 380 Bewohner
- Rolle
- Architektur & Städtebau
Gemessene Ergebnisse
Werte Dritter, gegenüber vergleichbarer konventioneller Bebauung.
Trinkwasserverbrauch
Betriebskosten
CO₂-Minderung
Im Betrieb
Ein System, nicht ein Gebäude
Die Aufgabe war nie eine einzelne Ökosiedlung. Flintenbreite war als gebauter Prüfstand für ein geplantes Hochschulquartier von rund 3.500 Wohnungen gedacht — der Nachweis, dass sich ein ganzer Stadtteil um geschlossene Kreisläufe entwickeln lässt. Das machte es zur Systemplanung: Städtebau, Landschaft, soziale Organisation, Energie und Sanitärtechnik mussten als ein Entwurf zusammengehen.
Architektur und Städtebau stammen von Rüdiger Fleck; die Sanitärtechnik von OtterWasser, die Gebäudetechnik von einem Lübecker Ingenieurbüro. Der Anteil des Architekten war, das System bewohnbar zu machen — Vakuumleitungen, einen Nahwärmering und ein Technikgebäude mit einem Quartier zu vereinen, in dem Menschen tatsächlich gern wohnen.
Stoffstromtrennung, von Anfang an
Schwarz-, Grau- und Regenwasser werden von vornherein getrennt gehalten. Rund 90 % der Stickstofffracht steckt im Schwarzwasser — die Ströme zu mischen ist genau das, was aus Abwasser ein Entsorgungsproblem macht. Hier sammeln Vakuumtoiletten das konzentrierte Schwarzwasser getrennt; Grauwasser wird in vertikal durchströmten Pflanzenkläranlagen gereinigt; Regenwasser versickert vor Ort.
Das konzentrierte Schwarzwasser wird gemeinsam mit den Bioabfällen der Haushalte anaerob vergoren. Die Vergärung erzeugt Methan, das ein Blockheizkraftwerk antreibt. Der Rest ist ein hochwertiger Flüssigdünger, der zu einem Landwirt und zurück aufs Feld geht.
Im Eigentum der Bewohner
Die Infrastruktur wird nicht von der Kommune oder einem Betreiber geführt, sondern von der infranova, einer eigens 1997 dafür gegründeten Betreibergesellschaft. Sie versorgt die Siedlung mit Trinkwasser, Wärme, Strom und Fernsehen, übernimmt die Entsorgung — und zu ihren Gesellschaftern zählen die Bewohner selbst, mit direktem Mitspracherecht über die gemeinsamen Anlagen, das Gemeinschaftshaus und die Rücklagen.
In den Worten von Rüdiger Fleck: „Wir haben den Käufern nicht nur eine technische Struktur angeboten — wir haben sie verpflichtet, Miteigentümer aller Anlagen zu sein. Das war damals fast revolutionär, und ich glaube, es ist der einzige Grund, warum das System bis heute funktioniert.“ Die Gesellschaft legt nach fünfundzwanzig Jahren, einer Bauträger-Insolvenz, mehreren Eigentümerwechseln und fünf Bauabschnitten noch immer Bilanzen vor.
Der ehrliche Befund
Das System funktionierte; die Finanzierung nicht. Der Bauträger wurde im Februar 2001 insolvent, und die Siedlung blieb bei etwa einem Drittel ihrer geplanten Größe stehen — dokumentiert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, nicht bloß behauptet. Spätere Bauträger stellten die Architektur auf konventionelle Reihenhäuser um, behielten aber den städtebaulichen Grundriss und das Wasserkonzept über fünf Bauabschnitte bei: der Entwurf überdauerte seinen Bauträger.
Die Technik hat Schwachstellen, die Fleck über Jahre beobachtet hat — die Belastung des Nährstoffstroms durch Haushaltschemikalien und die Anfälligkeit der Vakuumsammlung, von der die Konzentration des ganzen Kreislaufs abhängt. Seine eigene Einschätzung: „Wegen dieser Schwachstellen eignen sich die Systeme besser für den kleineren, dezentralen Maßstab — sofern die Technik nicht mit echter Konsequenz weiterentwickelt wird.“
Was es angestoßen hat
Die Siedlung wurde im wörtlichen Sinn zum Material der Forschung: eine Dissertation der TU Hamburg-Harburg nutzte ihr Schwarzwasser über ein Jahr lang als Versuchssubstrat, und die Vereinten Nationen führten sie als deutsche Best-Practice-Fallstudie für Wasser und Sanitärwesen. Das Konzept wurde im niederländischen Sneek nachgebaut, in erweiterter Form als Hamburg Water Cycle geplant und in Stadtteilen Pekings angewandt.
In einem Satz
Braucht keinen Kanalanschluss — kann aber bei Bedarf angeschlossen werden.
Ralf Otterpohl, Siedlungswasserwirtschaftler, über das Wassersystem der Siedlung
Die Betriebsdaten


Im Nachweis
Beteiligte
Architektur und Städtebau: Rüdiger Fleck. Sanitärtechnik: OtterWasser (Ralf Otterpohl). Gebäudetechnik: ein Lübecker Ingenieurbüro.
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